Rezension zur Agroforstwirtschaft
©Perma – Beratung & Design, Burkhard Kayser, www.agroforst.de / Stand 05/04


Eine Rezension:

Michael Machatschek
Laubgeschichten
Gebrauchswissen einer alten Baumwirtschaft, Speise- und Futterlaubkultur
edition böhlissimo 2002, Böhlau Verlag, Wien, 544 S.
ISBN 3-205-99295-4, EUR 35,-


Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verschwinden viele der alten Wirtschaftsweisen und damit auch das Wissen. Michael Machatschek hat mit dem besprochenen Buch die erste moderne, umfangreiche Dokumentation über die fast vergessene Wirtschaftsweise des Schnaitelns und ihres Kulturzusammenhanges vorgelegt, also der Nutzung des Laubes von Bäumen und Sträuchern. Er ist auf seinen Reisen den wenigen Menschen begegnet, die noch heute im Alpenraum frisches oder getrocknetes Laub für Futterzwecke für ihre Nutztiere wie Rinder, Schafe oder Ziegen verwenden. Das Buch versucht, dazu einen systematischen Überblick zu geben, verbunden mit reichhaltigen Zitaten und Verweisen auf historische und aktuelle Literatur. Weiterhin wird diese Wirtschaftsweise in die Betrachtung der sozialen und politischen Zusammenhänge eingebunden.

Das Buch ist in 12 Kapitel und einen Anhang unterteilt, die im einzelnen hier vorgestellt werden.
Im ersten Kapitel beschreibt der Machatschek, der sich als Wanderforscher bezeichnet, seine Herangehensweise: „Beobachtung ist Forschung“. Seine Beobachtungen bilden eine wesentliche Basis für das Buch, versucht er doch herauszuarbeiten, wie differenziert die Nutzungen der Schnaitelbäume sind, bzw. waren: Die Baum- oder Strauchart, der Standort, die Jahreszeit und Behandlung nach der Ernte spielten dabei eine Rolle. Es gab also eine Vielzahl unterschiedlicher Formen. Weiterhin nimmt die Kritik an der heutigen Land- und Forstwirtschaft eine große Rolle ein.

Das zweite Kapitel zeigt anhand von Beispielen die Arten der Baumnutzung, die lokale Lage der Futterlaubbäume im Gelände, ihre Bedeutung als Erosionsschutz und Pflanzabstände.

Das dritte Kapitel behandelt die „Schnaitelwirtschaft zur Gewinnung von Futter“. Dabei wird die moderne Fachliteratur begutachtet und die etymologischen Wurzeln der Wörter „Wald“, „Laub“ und „Schnaiteln“ beschrieben. Es folgt ein allgemeiner Überblick über die geschnaitelten Gehölzarten und verwendeten Werkzeuge, die Arbeitsabläufe sind mit Fotos dokumentiert. Machatschek zeigt ausführlich, welchen Einfluss die verschiedenen Wirtschaftsweisen auf die Form der Bäume haben. Anhand dieser charakteristischen Formen kann man auch heute noch solche Bäume erkennen, auch wenn sie schon seit Jahren nicht mehr in Nutzung sind, wie z.B. im Pielachtal/ Niederösterreich.

Das nächste Kapitel ist den Futtermitteln Laub und Reisig gewidmet, deren Inhaltsstoffen zu den unterschiedlichen Jahreszeiten und der Lagerung. Es wird auf den gesundheitlichen Wert des Laubfutters eingegangen, das „als ausgleichendes Medizinal- und Mineralstofffutter“ diente. Einzelne Erntemengen und Inhaltsstoffe werden aus älterer Literatur (z.B. zwischen 1848 und 1918) zitiert.

Kapitel fünf behandelt die Nutzung des Fall-Laubes als Futtermittel und Einstreu sowie die Aufbereitung durch Fermentierung. Einzelne Abschnitte sind auch hier – wie im Rest des Buches – der kritischen Auseinandersetzung mit der herkömmlichen Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft gewidmet. Diese Abschnitte sind wiederholt im Buch zu finden und sind nicht immer auf das jeweilige Thema bezogen.

Das sechste Kapitel behandelt einige Gehölzarten, zu denen all die Aspekte aufgeführt sind, „die in den vorderen Kapiteln keinen Platz fanden“, ohne „Anspruch auf Vollständigkeit“, wirkt dadurch trotz der Aufteilung in Baumarten fragmentarisch. Wurden bisher vorrangig die Bäume in der Landschaft betrachtet, handelt das kurze Kapitel sieben von der Nutzung des Gehölzlaubes rund um Haus und Hof. Es folgt ein Kapitel über Bäume für Speisezwecke: rohe Blättersalate, geröstete Lindenknospen oder Rindenspaghetti erzählen von interessanten Kreationen und Notzeiten. Kapitel zu der Bewirtschaftung von Nadelbäumen bzw. der Streunutzung im Wald schließen den beschreibenden Teil ab.

In den letzten beiden Kapiteln beschäftigt sich Machatschek vor allem mit den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die zum Verschwinden der Schnaitelwirtschaft geführt haben. Dabei teilt er wie auch im Rest des Buches nach allen Seiten hin kräftig aus, um sich zum Anwalt für die alte Nutzungsform und der damit im Zusammenhang stehende Lebensweise zu machen.

Der Autor schreibt engagiert, man merkt, wie sehr ihm dieses Thema am Herzen liegt. Das ist die Stärke und die Schwäche dieses Buches. Um die Schnaitelwirtschaft zu fördern braucht es das Engagement der Akteure. Nur kann dieses auch aufdringlich wirken, wie hier wiederholt die politischen und philosophischen Ansichten des Autors, die weit über das Thema hinausgehen.

Insgesamt wirkt das Buch merkwürdig unstrukturiert, innerhalb der gut eingeteilten Kapitel wird oft gesprungen, Zitate eingeflochten, die sich auf andere Zusammenhänge beziehen, so dass man als Leser einige Male den Faden verlieren kann. Ein deutliches Lektorat wäre wünschenswert.

Das Buch ist nicht auf den Gebrauchswert hin optimiert, das ist auch nicht sein Anspruch. Immerhin sind die umfangreichen Literatur- und Quellenangaben hilfreich. Die Gehölzeinteilung in der Übersichtstabelle dagegen sind mir nicht nachvollziehbar gewesen. Wer in das Thema umfangreich einsteigen will und sich nicht an der Schreibweise stört, ist mit dem Werk gut bedient.

Burkhard Kayser


Ein Inhaltsverzeichnis sowie Auszüge aus dem Buch finden Sie als PDF-Datei auf der Webseite des Verlags:

www.boehlau.at (im neuen Rahmen)

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